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Hotel Chesa Randolina
Tomas & Tanija Courtin
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Hotel Chesa Randolina

Ein unvergesslicher Alpabzug

Die Maiensässe von Grevasalvas, Bueira und Blanca über dem Silsersee wurden von Bergeller Bauern bewirtschaftet. Danco Giovanoli aus Soglio berichtet.

Es war gegen Ende Oktober 1954. Auf den Maiensäss Blanca, über 2000m hoch gelegen, war in diesen letzten Herbsttagen jederzeit mit dem Wintereinbruch zu rechnen. Das Vieh sollte bis Weihnachten bleiben, um das Heu auszufüttern. Den Hausrat brachten wir jeweils vorher nach Soglio, zusammen mit dem Schwein, den Hühnern und der Katze. Auch der Wintervorrat mit einigen im Herbst produzierten Käslein und zwei Schinken, die hier im günstigen Klima gereift waren, mussten gepackt werden. Früher mit Ochse und Karren, war Soglio eine Tagreise entfernt. Mit meinem neuen Traktor – es war der erste im Dorf – schaffte ich die 25 km in etwa zwei Stunden. Mit diesen Veränderungen glaubten wir, den Kulminationspunkt des Fortschrittes erreicht zu haben. Der Brückenwagen bot mehr Platz, also kam auch das Transportgut des Nachbarn dazu.

Nun drängte dieser zum raschen Abzug, während ich eigentlich Anlass hatte, die Tage noch zu verlängern. An jenem Morgen verkündete Signor Costante ohne Umschweife: „heute wird abgereist!“ Dem Respekt zuliebe – schliesslich war er 40 Jahre älter – akzeptierte ich. In der Tat kündeten ein bläulicher Himmel und eisige Luft den ersten Schnee an. Gesagt, getan. Gegen Mittag war alles verladen und angebunden. Auf dem Weg verfolgten mich Schneeverwehungen, die sich über den höchsten Gipfeln abzeichneten. Dann, auf der Passhöhe in Maloja, fielen die ersten Flocken. Die Sicht verschlechterte sich und die Fahrspur wurde glatt. Die gepflästerte Strasse wurde zur seifigen Piste. Beim Erreichen der letzten Kurve passierte es. Das Gefährt war nicht mehr unter Kontrolle zu halten. Ein Rad drehte durch, das andere wirkte in die andere Richtung. Der Anhänger begann sich querzustellen. Die Situation wurde immer kritischer. Ich bereitete meinen Absprung vor. Mit einer Hand hielt ich das Steuerrad, mit der Fussspitze bewegte ich mich auf das vordere Trittbrett hin. Der Traktor trieb nach links, und dann wieder nach rechts. Ein schrecklicher Augenblick. Der Sturz schien unausweichlich. Hektische Gedanken – wie kommt das nur heraus! Alles ging jetzt unbeschreiblich schnell. Der schlitternde Anhänger, immer mehr kreuz und quer liegend, überschlug sich bei Aufprall an einem etwas höher liegenden Stein. Der Traktor stand still. Bergwärts gerichtet. Der Anhänger lag seitwärts. Ein Prellstein hatte ihn aufgehalten. Ich versuchte, das Geschehene zu realisieren. Es tröstete mich, noch zu leben und unverletzt zu sein. Die ganze Ladung war über die Stützmauer hinuntergestürzt. Schweine und Hühner alle verstreut, aber ohne schweren Verletzungen. Ich war ratlos, fühlte mich hilflos. Von oben kam kein Fahrzeug mehr. Unten parkierten sie, da eine Weiterfahrt das Risiko nicht lohnte. Dann kamen sie herbei. Doch statt zu helfen, verwirrten sie die Tiere noch mehr.

Wie ich – mich zwischen Hammer und Amboss fühlende – mach Auswegen suchte, da erblickte ich ein Zeichen gnädiger Vorsehung. Von Cavril her näherte sich eine Militärkolonne. Als erster traf der Oberleutnant, ein freundlicher Mann, auf die Bescherung: „Guter Mann, machen Sie sich keine Sorge. Meine Truppe von 25 Mann scheut keine Mühe“ machte er mir Mut und Hoffnung. Den Soldaten bot sich ein amüsantes Bild. Jetzt wartete eine unerwartete Beschäftigung auf sie. In den Fahrzeugen führten sie Nägel, Hämmer, Zangen, Brettlein und was nötig war, um die in Brüche gegangenen Kisten für die Schweine und den Käfig für die Hühner instandzusetzen. Die Männer legten sich ins Zeug und nahmen es mit Humor. Die einen widmeten sich den Schweinen, andere verfolgten die Hühner, während die dritten Kisten und Käfig instandstellten. Eine vierte Gruppe widmete sich Traktor und Anhänger. Dann wurde beladen. Die Katze befand sich glücklicherweise in einem Sack. Sie hätte man sicher nicht mehr erwischt. Jetzt fuhr ich, links und rechts begleitet von Soldaten, bis zum Flachstück. Wie durch ein Wunder war da die Strasse schneefrei. Die Gruppe, welche die Schweine in Sicherheit gebracht hatte, erwartete uns. Anstatt die beiden Schweine jetzt einzeln auf den Wagen hochzuheben packten sie gleich die ganze Kiste mit dem Ruf „bereit los!“. Sie wollten den Tieren nicht noch einmal nachrennen.

Zufrieden setzten sie sich für eine verdiente Pause hin. Ich überlegte, wie ich mich bei den jungen Männern erkenntlich zeigen könnte. Der gewitzigste unter ihnen brachte mich auf die Idee. Beim Beladen scherzte er, dass er die beiden Schinken ungerne davonziehen sehe, ohne sie probiert zu haben. Er erzählte auch, dass sie auf der Alp Maroz waren, um Zielscheiben aufzustellen für die nächsten Übungen. Eine kleine Zwischenverpflegung musste ihnen dort genügen. Das Mittagessen in Maloja hätten sie jetzt verpasst. Brot sei vorhanden, aber ohne Beigabe. Erfreut legte ich einen Schinken und einige Käslein auf einen Stein. An Messern fehlte es ebenso wenig wie am Appetit. Welch eine Genugtuung zu sehen, wie sich meine Wohltäter über die Zwischenmahlzeit hermachten. Jetzt zeigte sich auch die Sonne wieder zwischen den Wolken und machte die erlittene Mühe wieder gut.